Der AHI, der Apnoe-Hypopnoe-Index, zählt Atemaussetzer und Atemminderungen pro Stunde Schlaf. Üblich ist die Einteilung: unter 5 gilt bei Erwachsenen als normal, 5 bis unter 15 als leichte, 15 bis unter 30 als mittelschwere und ab 30 als schwere Schlafapnoe. Diese Schwellen sind eine Konvention, keine Naturkonstante. Zwei Dinge daran werden fast immer übersehen. Erstens hängt der Wert davon ab, nach welcher Regel ausgewertet wurde: In einer Untersuchung von 20 Schlaflabor-Nächten ergaben genau dieselben Aufzeichnungen einen mittleren AHI von 14,7, wenn eine Atemminderung erst ab 4 Prozent Sauerstoffabfall zählt — und 23,3, wenn auch 3 Prozent oder eine Weckreaktion genügen. Die Diagnosehäufigkeit sprang dadurch von 30–55 auf 70–85 Prozent derselben Patienten. Zweitens schwankt der AHI von Nacht zu Nacht: In einer Untersuchung mit 147 Personen, die innerhalb von zehn Tagen zweimal im Schlaflabor gemessen wurden, schwankten die Ereigniszahlen mittelstark, während die Sauerstoffwerte am stabilsten blieben — und dieselbe Arbeit fand, dass die strenge 4-Prozent-Regel in 29,9 Prozent der Fälle zu einer anderen Schweregrad-Einstufung führte, die 3-Prozent-oder-Weckreaktions-Regel nur in 21,2 Prozent. Eine einzelne Nacht kann dich also in die falsche Schweregradklasse einordnen. Neben dem AHI stehen auf Befunden meist noch RDI, Entsättigungsindex und Schnarchindex — alle vier messen verschiedene Dinge.
Wer einen Schlaflaborbefund oder das Protokoll eines Heimtests in der Hand hält, sieht eine Tabelle mit Abkürzungen und irgendwo darin eine Zahl, an der offenbar alles hängt: den AHI. Darunter meist RDI, ODI, SI und eine Reihe von Sauerstoffwerten. Dieser Text erklärt, was jede dieser Zahlen zählt, wo die Grenzen liegen — und warum man die wichtigste Zahl nicht so wörtlich nehmen sollte, wie ihre zwei Dezimalstellen suggerieren.
Was der AHI Wert zählt — und was er nicht zählt
AHI steht für Apnoe-Hypopnoe-Index. Er ist ein Durchschnitt pro Stunde: die Summe aller Atemaussetzer und Atemminderungen einer Nacht, geteilt durch die Zahl der Stunden, die du geschlafen hast. Zwei Begriffe braucht man dazu:
- Apnoe — die Atmung setzt fast vollständig aus, mindestens zehn Sekunden lang.
- Hypopnoe — die Atmung wird deutlich flacher, ebenfalls mindestens zehn Sekunden, verbunden mit einem Sauerstoffabfall oder einer Weckreaktion. Was hier genau als „deutlich“ und „Abfall“ gilt, ist die entscheidende Stelle; mehr dazu unter Hypopnoe.
Wichtig ist der Nenner: pro Stunde Schlaf, nicht pro Stunde im Bett. Wer acht Stunden liegt, aber nur fünf schläft, hat bei gleicher Ereigniszahl einen höheren AHI. Bei Heimtests ohne Hirnstrommessung ist die tatsächliche Schlafzeit unbekannt, deshalb wird dort oft durch die Aufzeichnungszeit geteilt — und der Wert fällt systematisch niedriger aus als im Labor. Zwei Befunde mit „AHI 12“ können also unterschiedlich viel bedeuten.
Was der AHI nicht abbildet: wie lang die einzelnen Aussetzer waren, wie tief der Sauerstoff dabei fiel und ob sie sich auf wenige Stunden ballten. Zwanzig kurze Ereignisse pro Stunde mit minimalem Sauerstoffabfall und zwanzig lange mit starken Einbrüchen ergeben denselben AHI und sind medizinisch nicht dasselbe.
Die Schweregrad-Tabelle
Die verbreitete Einteilung für Erwachsene:
- unter 5 — im Normbereich. „Wie viele Atemaussetzer sind normal?“ beantwortet sich damit: bis zu fünf Ereignisse pro Stunde gelten bei Erwachsenen als unauffällig, null ist nicht der Normalfall.
- 5 bis unter 15 — leichte Schlafapnoe.
- 15 bis unter 30 — mittelschwere Schlafapnoe.
- 30 und mehr — schwere Schlafapnoe. Ein Wert wie 70 liegt weit in diesem Bereich; nach oben ist die Skala offen, Werte über 100 kommen vor.
Bei Kindern gelten deutlich strengere Maßstäbe — dort ist bereits ein Wert über 1 pro Stunde auffällig. Kinderbefunde dürfen also nie an der Erwachsenentabelle gelesen werden.
Und ein Satz, der in der Praxis mehr zählt als die Tabelle: Behandelt wird nicht der Index, sondern der Mensch. Ein AHI von 8 mit ausgeprägter Tagesschläfrigkeit und Bluthochdruck ist ein größeres Thema als ein AHI von 18 bei jemandem, der sich ausgeruht fühlt und sonst gesund ist.

Warum dieselbe Nacht zwei verschiedene AHI-Werte ergibt
Hier liegt der Punkt, den kaum ein Befund erklärt. Die Apnoe ist unstrittig definiert — die Atmung setzt aus, das erkennt jedes Auswertungsverfahren gleich. Die Hypopnoe ist es nicht. Ob eine flachere Atmung als Ereignis gezählt wird, hängt davon ab, welche Regel man anlegt: Muss der Sauerstoff um mindestens 3 Prozent fallen oder um mindestens 4? Zählt auch eine Weckreaktion im EEG, wenn der Sauerstoff kaum reagiert?
Eine argentinische Arbeit hat genau das durchgerechnet: 20 Schlaflabor-Aufzeichnungen, viermal ausgewertet, nach vier gängigen Hypopnoe-Definitionen. Dieselben Nächte, dieselben Rohdaten, nur die Regel unterschied sich.
- Nur ab 4 Prozent Sauerstoffabfall: mittlerer AHI 14,7 (± 11,6).
- Ab 3 Prozent Abfall oder Weckreaktion: mittlerer AHI 23,3 (± 11,6).
- Folge für die Diagnose: Die Häufigkeit eines Schlafapnoe-Syndroms in derselben Patientengruppe lag bei der strengen Regel bei 30 bis 55 Prozent, bei den weiteren Regeln bei 70 bis 85 Prozent.
Wichtig für die Einordnung: Das sind Mittelwerte über 20 Patienten, nicht zwei Auswertungen eines einzelnen Menschen, und die Streuung lag jeweils bei ± 11 bis 12. Die Arbeit liefert also keine Umrechnungsformel für den eigenen Befund, sondern den Nachweis, dass die Wahl der Regel eine ganze Gruppe im Mittel über eine Schweregradgrenze hebt. Wenn zwei Befunde nicht zusammenpassen, ist das deshalb oft kein Messfehler, sondern eine andere Auswertungsregel. Es lohnt sich, im Befund nachzusehen, welche verwendet wurde — meist steht sie klein bei den Definitionen, als „3 %“, „4 %“ oder „3 % / Arousal“.
Nigro CA, Rhodius EE. Effect of the definition of hypopnea on apnea/hypopnea index. Medicina (B Aires) 2003. PMID 12793079
Der AHI schwankt von Nacht zu Nacht
Die zweite Einschränkung betrifft die Nacht selbst. Der AHI wird meist aus einer einzigen Nacht bestimmt — und Nächte sind nicht gleich. Schlaflage, Alkohol, eine verstopfte Nase, wie viel Zeit in REM verbracht wurde: all das verschiebt die Ereigniszahl.
Eine aktuelle Arbeit hat 147 Personen mit bekannter oder wahrscheinlicher mittelschwerer bis schwerer Schlafapnoe innerhalb von zehn Tagen zweimal im Schlaflabor gemessen und 20 verschiedene Messgrößen auf ihre Schwankung untersucht. Das Muster:
- Am stärksten schwankten die maximale Herzfrequenz, die Anteile der Schlafpositionen und die Einschlafdauer.
- Am stabilsten waren die mittlere Sauerstoffsättigung, die mittlere Herzfrequenz, die niedrigste Sauerstoffsättigung und die hypoxische Last — also die Sauerstoff-Größen.
- Dazwischen lagen die Ereignis-Häufigkeiten, aus denen der AHI gebildet wird — sie schwankten mittelstark, also weder so stark wie die Schlaflage noch so wenig wie die Sauerstoffwerte.
Und hier kommt der Befund, der die beiden Abschnitte dieses Textes verbindet: Wie stabil der AHI von Nacht zu Nacht ist, hängt selbst von der Auswertungsregel ab. Die strenge 4-Prozent-Regel führte bei zwei Messungen innerhalb von zehn Tagen in 29,9 Prozent der Fälle zu einer anderen Schweregrad-Einstufung, die 3-Prozent-oder-Weckreaktions-Regel nur in 21,2 Prozent. An der Grenze zwischen mittelschwer und schwer war der Abstand noch größer: 14,3 gegen 5,4 Prozent. Die 4-Prozent-Regel ist also nicht nur die zurückhaltendere, sie ist auch die weniger reproduzierbare.
Praktisch heißt das: Wer nahe an einer Schwelle liegt — etwa bei 14 oder 16 —, kann bei einer zweiten Messung in einer anderen Klasse landen, ohne dass sich etwas verändert hat. Am verlässlichsten bleiben daneben die Sauerstoff-Größen; die hypoxische Last wich zwischen zwei Nächten nur in 11,8 Prozent der Fälle ab.
Alavi A, Costa E, Matsumoto MMS, Odenwald N, Kushida C, Bahmani A, Capasso R. Comprehensive Evaluation of Night-to-Night Variability in Polysomnography Metrics and Apnea-Hypopnea Index-Based Diagnostic Reclassification. Chest 2026. PMID 42302984
Der praktische Schluss ist nicht, den Befund anzuzweifeln, sondern umgekehrt: Ein einzelner grenznaher Wert ist kein Grund, sich beruhigt zurückzulehnen. Wenn du trotz eines AHI von 4 morgens erschöpft aufwachst, ist das ein Thema für die Ärztin — und keine Zahl entkräftet ein Symptom.
Die anderen Zahlen auf dem Befund
- RDI — Respiratory Disturbance Index. Zählt zusätzlich zu Apnoen und Hypopnoen auch Atemanstrengungs-bedingte Weckreaktionen, also Ereignisse, bei denen die Atmung so mühsam wird, dass das Gehirn kurz aufwacht, ohne dass der Luftstrom messbar einbricht. Der RDI ist deshalb immer gleich hoch oder höher als der AHI. Wer die Tabelle oben auf einen RDI anwendet, überschätzt den Schweregrad leicht.
- ODI oder Entsättigungsindex. Zählt, wie oft pro Stunde die Sauerstoffsättigung um einen festgelegten Betrag fällt — meist 3 oder 4 Prozentpunkte. Diese Größe zählt nicht die Atmung, sondern ihre Folge. Sie gehört zu den stabileren Werten und ist deshalb oft aussagekräftiger als der AHI allein.
- Schnarchindex (SI). Schnarchereignisse pro Stunde. Rein akustisch, sagt nichts über die Atmung aus: Man kann heftig schnarchen mit einem AHI unter 5, und man kann eine schwere Apnoe haben, ohne laut zu schnarchen — siehe Schlafapnoe ohne Schnarchen. Der Schnarchindex ist der Wert, der sich am einfachsten mit einem Telefon annähern lässt, und gleichzeitig der mit der geringsten diagnostischen Aussagekraft.
- Minimale Sauerstoffsättigung. Der tiefste in der Nacht gemessene Wert. Gehört zu den stabilen Größen und ist für die Einschätzung des Risikos oft wichtiger als die Ereigniszahl.
- Normopnoe. Begriff für die normale, ruhige Atmung ohne Auffälligkeiten — also der Referenzzustand, gegen den Apnoen und Hypopnoen abgegrenzt werden. Auf Befunden steht er selten als Messwert.
Was eine App an dieser Stelle kann — und was nicht
Ein Telefon auf dem Nachttisch hört Geräusche. Es kann daraus Schnarchen und auffällige Atempausen ziemlich gut erkennen und zeigen, wann in der Nacht sie auftraten. Was es nicht hat: einen Sensor für die Sauerstoffsättigung und keine Hirnstrommessung. Damit fehlen genau die beiden Größen, die in die Hypopnoe-Definition eingehen — der Sauerstoffabfall und die Weckreaktion. Eine App kann also keinen AHI im Sinne des Befunds berechnen, und jede App, die eine solche Zahl präsentiert, verspricht mehr als sie hat.
Was sie stattdessen gut kann, ist die Vorstufe: über viele Nächte zeigen, ob überhaupt etwas Auffälliges passiert, wie oft, und ob es sich verändert. Gerade weil eine einzelne Labornacht schwankt, ist ein Verlauf über zwanzig Nächte eine sinnvolle Ergänzung — als Anlass für einen Arztbesuch und als Material für das Gespräch, nicht als Ersatz. Wie ein richtiger Test abläuft, steht unter Schlafapnoe zu Hause testen; was Apps leisten, unter Schlafapnoe-App.
Häufige Fragen
Der AHI (Apnoe-Hypopnoe-Index) ist die Zahl der Atemaussetzer und Atemminderungen pro Stunde Schlaf. Üblich ist: unter 5 normal, 5 bis unter 15 leicht, 15 bis unter 30 mittelschwer, ab 30 schwer. Bei Kindern gelten strengere Maßstäbe, dort ist bereits ein Wert über 1 auffällig.
Bei Erwachsenen gelten bis zu fünf Ereignisse pro Stunde als unauffällig. Null ist nicht der Normalfall — kurze Atemunregelmäßigkeiten kommen in jedem gesunden Schlaf vor, besonders im REM-Schlaf und beim Einschlafen.
Das liegt weit im Bereich der schweren Schlafapnoe, der bei 30 beginnt. Nach oben ist die Skala offen; Werte über 100 kommen vor. Ein solcher Befund gehört umgehend in ärztliche Behandlung, unabhängig davon, wie ausgeprägt die Beschwerden am Tag sind.
Meist, weil unterschiedlich ausgewertet wurde. Ob eine Atemminderung ab 3 oder erst ab 4 Prozent Sauerstoffabfall zählt und ob Weckreaktionen mitgezählt werden, verändert das Ergebnis erheblich: In einer Untersuchung von 20 Nächten ergaben dieselben Rohdaten je nach Regel einen mittleren AHI von 14,7 oder 23,3. Dazu kommt die natürliche Schwankung zwischen zwei Nächten.
Der RDI zählt zusätzlich zu Apnoen und Hypopnoen auch Weckreaktionen durch erhöhte Atemanstrengung, bei denen der Luftstrom noch nicht messbar einbricht. Er ist deshalb immer gleich hoch oder höher als der AHI, und die AHI-Schweregradtabelle passt nicht unverändert auf ihn.
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