Bei der REM-Schlaf-Verhaltensstörung fehlt im Traumschlaf die normale Muskellähmung, und Betroffene leben ihre Träume aus. In einer Bevölkerungsstudie mit 1.075 Menschen von 50 bis 80 Jahren hatten 1,4 Prozent die Störung; wer sie hat, trägt ein erhöhtes Risiko für Parkinson oder Demenz (in einer Kohorte aus Fachzentren 73,5 Prozent nach 12 Jahren, in einer anderen 12,9 Prozent nach median 6 Jahren). Die Diagnose stellt das Schlaflabor, zu Hause gilt zuerst: ein sicheres Schlafzimmer.
Die REM Schlaf Verhaltensstörung (englisch REM sleep behavior disorder, RBD, im Deutschen meist mit Bindestrichen geschrieben) ist eine Störung des Traumschlafs. Im Traumschlaf sind die Muskeln normalerweise gelähmt, bei RBD fehlt diese Lähmung, und Betroffene schlagen, treten oder rufen, was sie träumen. Vorweg: Die Störung ist selten, nicht jedes nächtliche Zucken hat sie, und wer sie hat, sollte sie ärztlich abklären lassen, weil sie ein Verletzungsrisiko ist und ein möglicher Frühhinweis auf eine Nervenerkrankung.
REM Schlaf Verhaltensstörung: was im Traumschlaf passiert
Eine Übersichtsarbeit beschreibt RBD als Parasomnie, bei der im REM-Schlaf der normale Verlust der Muskelspannung ausbleibt, und deutliche Bewegungen mit dem Träumen einhergehen. Als beteiligt gelten Hirnstammregionen im Mittelhirn und in der Brücke. Bei vielen Patienten mit der sogenannten idiopathischen Form, also ohne erkennbare Ursache, sei das, so die Autoren, möglicherweise ein früher Ausdruck einer sich entwickelnden neurodegenerativen Erkrankung. Das ist eine Hypothese aus der Fachliteratur, die weitere Studien benötigt.
Boeve BF, Silber MH, Saper CB, Ferman TJ, Dickson DW, Parisi JE, Benarroch EE, Ahlskog JE, Smith GE, Caselli RC, Tippman-Peikert M, Olson EJ, Lin SC, Young T, Wszolek Z, Schenck CH, Mahowald MW, Castillo PR, Del Tredici K, Braak H. Pathophysiology of REM sleep behaviour disorder and relevance to neurodegenerative disease. Brain 2007. PMID 17412731
Wie häufig ist das? Eine Untersuchung mit 1.075 Menschen aus einer koreanischen Bevölkerungsstudie (Alter 50 bis 80 Jahre, mittleres Alter 60,1) kombinierte Fragebogen, ein strukturiertes Telefoninterview und eine Messung des Schlafs zu Hause. Eine RBD wurde bei 20 Teilnehmenden festgestellt: bereinigt 1,4 Prozent (Intervall 1,0 bis 1,8). Dazu kamen 3,4 Prozent mit wiederholtem Ausleben von Träumen ohne Messbefund und 12,5 Prozent mit fehlender Muskellähmung im Traumschlaf, aber ohne das Ausleben. Wer in der Messung keine Muskellähmung hat, muss also nicht automatisch Träume ausleben. Für die Diagnose zählte in der Studie beides: wiederholtes Ausleben von Träumen, das ein strukturiertes Telefoninterview erfasste, und die fehlende Muskellähmung, die über die Muskelaktivität am Kinn in der Nachtmessung bestimmt wurde.
Lee WJ, Baek SH, Im HJ, Lee SK, Yoon JE, Thomas RJ, Wing YK, Shin C, Yun CH. REM Sleep Behavior Disorder and Its Possible Prodromes in General Population: Prevalence, Polysomnography Findings, and Associated Factors. Neurology 2023. PMID 37816644
Im Schlaf um sich schlagen und treten: was dahinterstecken kann
Im Schlaf um sich schlagen und treten ist das auffälligste Zeichen, aber kein sicheres. Dieselbe Studie prüfte, wie gut ein Fragebogen (RBDSQ, Wert von 5 oder mehr) die Störung erkennt: Er schloss die meisten Gesunden richtig aus (Spezifität 84,1 Prozent), doch nur 7,7 Prozent der Menschen mit positivem Ergebnis hatten tatsächlich eine RBD. Anders gesagt: Auf zwölf bis dreizehn Menschen mit auffälligem Fragebogen kam ungefähr eine Person mit der Störung. Ein positives Ergebnis ist also ein Anlass zur Messung, keine Diagnose.
Für das Gespräch in der Praxis hilft es, die Möglichkeiten zu kennen. Die Merkmale sind typische Hinweise aus der Schlafmedizin und ersetzen keine Messung:
| Was dahinterstecken kann | Typisch | Hilfreich zu klären |
|---|---|---|
| Einschlafzuckungen | Ein kurzer Ruck beim Einschlafen, kein Traum | Siehe Hypnischer Ruck |
| Unruhige Beine oder periodische Beinbewegungen | Wiederholtes Beugen und Strecken der Beine, oft schon am Abend spürbar | Abendlicher Bewegungsdrang? |
| Nachtschreck, Schlafwandeln | Aus dem Tiefschlaf im ersten Nachtdrittel, Verwirrtheit, keine Erinnerung | Wann in der Nacht? |
| Albtraum | Aufwachen mit Erinnerung, keine Bewegungen im Schlaf | Bewegt sich jemand dabei? |
| REM-Schlaf-Verhaltensstörung | Schlagen, Treten, Rufen mit passendem Traum, eher in der zweiten Nachthälfte, oft ab mittlerem Alter | Traumerinnerung passt zur Bewegung? |
Bei Hinweisen auf den letzten Punkt verdient die Sache einen Termin. Mehr zum nächtlichen Treten und Schlagen im Überblick: Im Schlaf um sich schlagen.
Wie hoch ist das Risiko für Parkinson und Demenz wirklich?
Die Zahlen zum Risiko stammen aus Fachzentren und fallen unterschiedlich aus. Die größte Untersuchung vereinte Daten aus 24 Zentren der internationalen RBD-Studiengruppe: 1.280 Patienten, bei denen eine RBD im Schlaflabor bestätigt war und weder Parkinson noch Demenz bestand. Das mittlere Alter lag bei 66,3 Jahren, 82,5 Prozent waren Männer, die Beobachtung dauerte im Mittel 4,6 Jahre. Die Rate, mit der sich daraus eine neurodegenerative Erkrankung entwickelte, lag bei 6,3 Prozent pro Jahr, nach zwölf Jahren hatten 73,5 Prozent eine entwickelt. Mit einem höheren Risiko gingen unter anderem auffällige Bewegungstests, Riechstörungen, leichte kognitive Einschränkung, Erektionsstörungen, ein auffälliger Dopamin-Transporter-Scan, Verstopfung und höheres Alter einher. Kein Vorhersagewert zeigte sich für Geschlecht, Tagesschläfrigkeit, Schlaflosigkeit, unruhige Beine, Schlafapnoe oder Depression.
Postuma RB, Iranzo A, Hu M, Högl B, Boeve BF, Manni R, Oertel WH, Arnulf I, Ferini-Strambi L, Puligheddu M, Antelmi E, Cochen De Cock V, Arnaldi D, Mollenhauer B, Videnovic A, Sonka K, Jung KY, Kunz D, Dauvilliers Y, Provini F, Lewis SJ, Buskova J, Pavlova M, Heidbreder A, Montplaisir JY, Santamaria J, Barber TR, Stefani A, St Louis EK, Terzaghi M, Janzen A, Leu-Semenescu S, Plazzi G, Nobili F, Sixel-Doering F, Dusek P, Bes F, Cortelli P, Ehgoetz Martens K, Gagnon JF, Gaig C, Zucconi M, Trenkwalder C, Gan-Or Z, Lo C, Rolinski M, Mahlknecht P, Holzknecht E, Boeve AR, Teigen LN, Toscano G, Mayer G, Morbelli S, Dawson B, Pelletier A. Risk and predictors of dementia and parkinsonism in idiopathic REM sleep behaviour disorder: a multicentre study. Brain 2019. PMID 30789229
Eine zweite Kohorte zeigt, wie sehr die Zahl vom Kollektiv abhängt. In einer retrospektiven Studie mit 372 Patienten mit isolierter RBD (186 Frauen und 186 Männer, nach Untersuchungsmonat gepaart) entwickelten 48 (12,9 Prozent) im Median von 6,0 Jahren eine definierte neurodegenerative Erkrankung, bei Frauen 9,7 Prozent, bei Männern 16,1 Prozent. Frauen waren bei der Diagnose jünger (54,9 gegenüber 62,5 Jahren). Die Umwandlungsrate war bei Menschen, die Antidepressiva nahmen, und bei chronischen Schmerzen oder psychischen Begleiterkrankungen niedriger, bei Gefäßerkrankungen höher. Nach Berücksichtigung der Faktoren blieb als einziger unabhängiger Faktor das Alter bei der Diagnose (Hazard Ratio 1,09; Intervall 1,06 bis 1,13).
Alexandres CA, McCarter SJ, Tabatabai GM, LeClair-Visonneau L, Feemster JC, Gossard TR, Strainis EP, Jagielski JT, Kelleher MR, Finstuen T, Ali F, Botha H, Graff-Radford J, Olson EJ, Sandness DJ, Morgenthaler TJ, Kantarci K, Savica R, Singer W, Covassin N, Somers VK, Kirkland JL, Junna M, Lipford M, Matarese CA, Moore JL, Tippmann-Peikert M, Carvalho DZ, Boeve BF, Silber MH, St Louis EK. Phenoconversion in Women and Men With Isolated REM Sleep Behavior Disorder: A Retrospective Cohort Study. Neurology 2024. PMID 39454123
Beide Arbeiten betreffen Menschen, die ein Schlaflabor aufgesucht haben und bei denen die Störung bestätigt wurde. Auf die vielen, die nur gelegentlich im Schlaf zucken oder sprechen, lassen sich die Zahlen nicht übertragen. Eine Diagnose RBD ist auch keine Parkinson-Diagnose. Wie schnell oder ob sich etwas entwickelt, kann im Einzelfall niemand sagen, und die Abklärung (Neurologie, Schlafmedizin) beantwortet, was daraus folgt.
Lässt sich der Verlauf beeinflussen?
Eine Behandlung, die den Verlauf nachweislich aufhält, beschreiben die gelesenen Arbeiten nicht, sie nennen sie als Ziel künftiger Studien. Postuma und Kollegen berechneten, dass für eindeutige Studien mit nervenschützenden Behandlungen 142 bis 366 Patienten pro Gruppe nötig wären, und sehen in der RBD eine Gelegenheit, früh anzusetzen. Boeve und Kollegen bringen das mit möglichen künftigen Medikamenten in Verbindung, die in den Krankheitsprozess eingreifen. Heißt für heute: Es gibt keinen Grund zur Panik, aber einen guten Grund, die Diagnose klären zu lassen, damit der Alltag sicher bleibt und Kontrollen geplant werden können.
Ein sicheres Schlafzimmer: was die Leitlinie ausdrücklich nennt
Für die Zeit bis zur Abklärung zählt vor allem ein Schlafzimmer, in dem man sich nicht verletzen kann. Die Leitlinie der amerikanischen Schlafmedizin zur Behandlung der RBD (2023) hält als Expertenkonsens fest: Wichtig ist eine sichere Schlafumgebung. Gegenstände, die verletzen können, wenn sie geworfen oder geschwungen werden, gehören aus dem Zimmer, auch Waffen neben dem Bett. Scharfkantige Nachttische sollten weggerückt oder die Kanten und das Kopfteil gepolstert werden. Neben dem Bett schützt ein weicher Teppich oder eine Matte bei Stürzen. Bei schwerer, unkontrollierter RBD empfiehlt die Leitlinie, getrennt vom Partner zu schlafen, mindestens ein Kissen zwischen beide zu legen. Zu Medikamenten nennt die Leitlinie Empfehlungen, die hier nicht wiedergegeben werden: Die Entscheidung gehört in die Behandlung.
Howell M, Avidan AY, Foldvary-Schaefer N, Malkani RG, During EH, Roland JP, McCarter SJ, Zak RS, Carandang G, Kazmi U, Ramar K. Management of REM sleep behavior disorder: an American Academy of Sleep Medicine clinical practice guideline. J Clin Sleep Med 2023. PMID 36515157
Ergänzend lässt sich der Alltag verändern, ohne dass eine Entscheidung zur Behandlung fällt: das Bett von der Wand wegrücken, wenn man beim Schlagen gegen sie stößt, Möbel mit Kanten außer Reichweite stellen, im Zimmer keine zerbrechlichen Gegenstände aufbewahren. Das sind pragmatische Ableitungen aus den genannten Grundsätzen und keine eigenen Studienergebnisse.
Wann zum Arzt, und was du mitbringen kannst
Ein Termin lohnt sich, wenn jemand im Schlaf wiederholt schlägt, tritt oder ruft, sich oder den Partner verletzt hat oder die Träume dazu passen, besonders ab mittlerem Alter. Zuständig sind Schlafmedizin und Neurologie; die Hausarztpraxis kann überweisen. Bestätigt wird die Störung durch eine Messung im Schlaflabor, die die Muskelspannung im Traumschlaf erfasst. In der Studie von Lee wurde dazu die Muskelaktivität am Kinn gemessen.
Was bei der Anamnese hilft: Seit wann es das gibt, wie oft in der Woche, zu welcher Nachtzeit, ob die Träume zu den Bewegungen passen, ob jemand verletzt wurde und welche Medikamente genommen werden. Für Antidepressiva ist ein Zusammenhang beschrieben worden. In einem Bericht entwickelte ein 31-Jähriger kurz nach Beginn einer Behandlung mit einem Antidepressivum eine RBD, die auch 19 Monate nach dem Absetzen bestand. Das ist ein Einzelfall, aber ein Grund, die Medikamentenliste mitzubringen und nichts eigenmächtig abzusetzen. Ein kurzes Video vom Partner mit dem Handy kann ein Gespräch ergänzen, ersetzt aber keine Messung.
Partnerinnen und Partner können helfen, indem sie nach auffälligen Nächten kurz notieren: Datum und ungefähre Uhrzeit, was gerufen wurde, ob geschlagen oder getreten wurde, ob die Person dabei wach wurde und was sie danach vom Traum erzählt. Solche Notizen machen die Schilderung in der Praxis konkreter als ein allgemeines „Er schlägt nachts um sich“.
Schenck CH, Mahowald MW, Kim SW, O'Connor KA, Hurwitz TD. Prominent eye movements during NREM sleep and REM sleep behavior disorder associated with fluoxetine treatment of depression and obsessive-compulsive disorder. Sleep 1992. PMID 1621023
Was SleepTrace bei nächtlichem Rufen und Sprechen zeigt
Für ein Gespräch in der Schlafmedizin kann SleepTrace eine Nacht dokumentieren, mehr nicht. Wer im Traum spricht, bekommt das mit Uhrzeit und kurzem Clip gespeichert; ob lautes Rufen oder Schreien ebenso erkannt wird, ist nicht geprüft (Free-Plan: nächtliches Tracking und 3 abspielbare Clips pro Monat); Schnarchen und Husten werden ebenso erfasst, mögliche Atempausen nur mit Zeitstempel. Das Entscheidende erkennt die App nicht: Bewegungen, Treten, Schlagen und die fehlende Muskellähmung. Die Schlafphasen sind aus dem Ton geschätzt. Eine RBD belegt oder widerlegt eine Aufnahme nicht. Sie braucht die geöffnete App (der Bildschirm dimmt) und das Handy am Ladegerät. Weitere Hintergründe: Sprechen im Schlaf.
Häufige Fragen
Eine Störung des Traumschlafs, bei der die normale Muskellähmung fehlt und Betroffene ihre Träume ausleben, also schlagen, treten oder rufen. Sie ist selten: In einer Bevölkerungsstudie mit 1.075 Menschen zwischen 50 und 80 Jahren hatten 1,4 Prozent die Störung.
Nein. Einschlafzuckungen, unruhige Beine, Nachtschreck oder Albträume führen ebenfalls zu Bewegung. Selbst ein auffälliger Screening-Fragebogen war in der Studie nur bei 7,7 Prozent der positiven Ergebnisse eine tatsächliche RBD. Die Diagnose stellt das Schlaflabor.
Nein. Es besteht ein erhöhtes Risiko: In einer Kohorte aus 24 Fachzentren hatten nach zwölf Jahren 73,5 Prozent eine neurodegenerative Erkrankung entwickelt, in einer anderen Kohorte mit 372 Patienten 12,9 Prozent nach median sechs Jahren. Im Einzelfall lässt sich nichts vorhersagen.
Das Schlafzimmer sicher machen, so die Leitlinie von 2023: Gegenstände entfernen, die verletzen können, Kanten polstern, einen weichen Teppich neben das Bett legen und bei schwerer RBD getrennt schlafen oder ein Kissen zwischen beide legen. Zu Medikamenten berät die Praxis.
Nein. Die App erkennt Sprechen im Schlaf und speichert dazu einen Clip, aber keine Bewegungen, kein Treten und keine fehlende Muskellähmung. Sie kann ein Gespräch mit der Praxis unterstützen, aber keine RBD feststellen.
SleepTrace ist eine Wellness-App, kein Medizinprodukt. Dieser Artikel ist allgemeine Information, kein medizinischer Rat. Wenn deine Beschwerden häufig, stark oder beunruhigend sind, sprich bitte mit einem Arzt.
Eine REM-Schlaf-Verhaltensstörung stellt der Arzt fest, meist im Schlaflabor. SleepTrace kann das nicht, aber es nimmt Ton auf und speichert Clips von Sprechen, Schnarchen und Husten mit Uhrzeit, die du dem Arzt vorspielen kannst. Schlagen und Treten erkennt die App nicht, du siehst nur, wann in der Nacht Geräusche auftraten.
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