Menschen mit unbehandelter Schlafapnoe haben häufig auch eine Depression: In einer Untersuchung mit 109 Patienten aus dem Schlaflabor waren es 22,7 Prozent, in einer Zusammenfassung von sieben Studien im Mittel 23 Prozent. Ob die Atempausen die Depression auslösen, ist offen: Eine Langzeitstudie fand ein bis zu 2,6-fach erhöhtes Risiko, eine Auswertung querschnittlicher Studien fand dagegen keinen klaren Zusammenhang. Auffällig ist, dass sich Stimmung und Schwere der Atempausen nicht sauber entsprechen: Der AHI sagte in einer Untersuchung an 284 Patienten die Depression nicht voraus. Die Behandlung der Atempausen kann Depressionssymptome bessern, vor allem wenn eine Depression besteht, ersetzt aber keine Behandlung der Depression. Bei Stimmungsproblemen, Wesensveränderung oder Gedächtnissorgen gehört beides in ärztliche Hand.
Der Partner sagt: Du bist nicht mehr du. Du bist gereizt, du willst abends nichts mehr, du vergisst Dinge. Die Hausärztin fragt nach der Stimmung, und der erste Gedanke ist Depression. Das kann stimmen. Es kann aber auch sein, dass nachts etwas passiert, wovon niemand etwas weiß, weil man dabei schläft: Atempausen, die den Schlaf viele Male zerhacken. Die Beschwerden sehen sich ähnlich, und es ist nicht ungewöhnlich, dass beides zusammen auftritt. Wie oft, und was daraus folgt, steht in Studien, die zum Teil gegeneinander arbeiten.
Wie oft bei Schlafapnoe Depression dazukommt
In einem Schlaflabor wurden 109 aufeinanderfolgende Patienten mit bestätigter Schlafapnoe, die noch nicht behandelt wurden, mit einem strukturierten klinischen Interview auf Depression untersucht. 25 von ihnen, also 22,7 Prozent, erfüllten die Kriterien einer klinischen Depression, und 24,8 Prozent nahmen bereits Antidepressiva. Eine Zusammenfassung von sieben Studien kam auf eine mittlere Häufigkeit von 23 Prozent. Die Gruppe mit Depression hatte schlechteren Schlaf und eine geringere Lebensqualität.
Jackson ML, Tolson J, Bartlett D, Berlowitz DJ, Varma P, Barnes M. Clinical depression in untreated obstructive sleep apnea: examining predictors and a meta-analysis of prevalence rates. Sleep Med 2019. PMID 31525678
Eine zweite Untersuchung an 284 neu diagnostizierten Patienten, die auf den Beginn der Behandlung warteten, fand ein etwas anderes Bild: Eine schwere (Major-)Depression hatten 6 Prozent, eine anhaltende leichtere depressive Verstimmung (Dysthymie) 15,5 Prozent. Bei der Dysthymie unterschieden sich die Geschlechter stark: 29,5 Prozent der Frauen gegenüber 11,7 Prozent der Männer. Bei der schweren Depression gab es keinen Unterschied.
Björnsdóttir E, Benediktsdóttir B, Pack AI, Arnardottir ES, Kuna ST, Gíslason T, Keenan BT, Maislin G, Sigurdsson JF. The Prevalence of Depression among Untreated Obstructive Sleep Apnea Patients Using a Standardized Psychiatric Interview. J Clin Sleep Med 2016. PMID 26350608
Beide Arbeiten zeigen: Depression ist unter Menschen mit unbehandelter Schlafapnoe häufig. Die Zahlen unterscheiden sich, weil unterschiedlich gefragt und definiert wurde. Beide zeigen auch etwas, das überrascht: Die Schwere der Atempausen sagte die Depression nicht voraus. In der zweiten Studie hing sie weder mit dem AHI noch mit den Sauerstoffeinbrüchen zusammen. In der ersten war sie nicht mit den Messwerten aus dem Schlaflabor verbunden. Wer einen niedrigen AHI hat, ist also nicht automatisch vor Depression geschützt, und wer einen hohen hat, ist nicht automatisch betroffen.
Schlafapnoe und Depression: Ursache, Folge oder Zufall?
Die stärkste Studie für einen Zusammenhang ist eine Langzeituntersuchung: 1.408 Berufstätige (788 Männer, 620 Frauen) wurden im Schlaflabor gemessen und im Abstand von vier Jahren auf Depression untersucht. Stieg die Schlafapnoe um eine Stufe an (etwa von minimal zu leicht), erhöhte sich die Chance, depressiv zu werden, auf das 1,8-Fache. Im Vergleich mit Menschen ohne Atemstörung lag das Risiko bei minimaler Störung beim 1,6-Fachen, bei leichter beim 2,0-Fachen und bei mittelschwerer oder schwererer beim 2,6-Fachen. Eine Dosis-Wirkungs-Beziehung ist ein Argument für, nicht ein Beweis für einen ursächlichen Zusammenhang.
Peppard PE, Szklo-Coxe M, Hla KM, Young T. Longitudinal association of sleep-related breathing disorder and depression. Arch Intern Med 2006. PMID 16983048
Die Gegenseite kommt aus einer Auswertung von Beobachtungsstudien, die 34 geeignete Arbeiten fand, von denen 11 für eine Zusammenfassung taugten. Sechs Studien, die Menschen zu einem einzigen Zeitpunkt untersuchten, fanden keinen klaren Zusammenhang (Odds Ratio 1,12, Konfidenzintervall 0,78 bis 1,47). Fünf Langzeitstudien dagegen schon: Menschen mit Schlafapnoe erkrankten im Verlauf eher an einer Depression (Risikoverhältnis 2,18). Die Ergebnisse unterschieden sich allerdings stark zwischen den Studien, und die Autoren sprechen von Unsicherheit über die Aussagekraft.
Edwards C, Almeida OP, Ford AH. Obstructive sleep apnea and depression: A systematic review and meta-analysis. Maturitas 2020. PMID 33158487
Was bleibt, ist ein vorsichtiges Bild: Auf lange Sicht scheint Schlafapnoe das Risiko für Depression zu erhöhen, in der Momentaufnahme ist der Zusammenhang schwächer, und die Schwere der Atempausen erklärt die Stimmung nur zum Teil. Das passt zu einer Erklärung, die ich plausibel finde, aber hier nicht beweisen kann: Entscheidend ist weniger, wie viele Pausen es sind, als wie der Schlaf insgesamt zerhackt und die Erholung verhindert wird. In der zweiten Studie waren tatsächlich Tagesmüdigkeit, Einschlafprobleme und die Einnahme von Schlafmitteln die stärksten Vorhersagen für Depression, nicht der AHI. In der ersten Studie hing sie dagegen nicht mit Tagesmüdigkeit zusammen. Die Studien widersprechen sich also an dieser Stelle.
Wesensveränderung und Demenz bei Schlafapnoe: was Partner bemerken, was gemessen ist
Gemeint ist meist: Mein Mann, meine Frau ist nicht mehr wie früher, reizbarer, ungeduldiger, vergesslicher, und niemand hat erklärt, warum. Eine belastbare Studie, die eine Persönlichkeitsveränderung durch Schlafapnoe misst, habe ich nicht gefunden. Was sich belegen lässt, ist Folgendes: Die Atempausen können den Schlaf so zerhacken, dass die Erholung ausbleibt, und jeder kennt den Zustand, in dem man nach einer kurzen Nacht schlechter mit anderen auskommt. Plausibel ist deshalb, dass dauerhaft schlechte Nächte Reizbarkeit und Rückzug verstärken. Das ist eine Erfahrungs- und Plausibilitätsaussage, keine Studienaussage.
Das Gedächtnis ist besser untersucht. In einer Studie an 298 Frauen ohne Demenz (mittleres Alter 82,3 Jahre) wurde die Nacht im Labor gemessen und einige Jahre später (2006 bis 2008) das Denkvermögen beurteilt. Von den 105 Frauen mit Schlafapnoe (AHI mindestens 15) entwickelten 44,8 Prozent eine leichte kognitive Störung oder eine Demenz, von den 193 ohne 31,1 Prozent. Das entspricht einer angepassten Chance von 1,85. Interessant ist, wo der Zusammenhang saß: bei den Sauerstoffeinbrüchen und dem Zeitanteil mit Atempausen, nicht bei Maßen für zerhackten Schlaf oder Schlafdauer.
Yaffe K, Laffan AM, Harrison SL, Redline S, Spira AP, Ensrud KE, Ancoli-Israel S, Stone KL. Sleep-disordered breathing, hypoxia, and risk of mild cognitive impairment and dementia in older women. JAMA 2011. PMID 21828324
Die Grenzen: nur Frauen, im Mittel über 80 Jahre, 298 Personen. Für Schlafapnoe und Demenz bei Männern oder jüngeren Menschen sagt diese Studie nichts. Und es ist keine Aussage über dich oder den Menschen, dem du zuhörst. Eine Veränderung des Wesens oder des Gedächtnisses gehört immer in die Hausarztpraxis, weil ganz andere Dinge dahinterstecken können: eine Schilddrüsenerkrankung, Medikamente, eine Depression, die Wechseljahre. Dass eine Schlafapnoe mit dazugehört, ist eine mögliche, keine sichere Erklärung.
Schlafapnoe ohne Tagesmüdigkeit: wenn die Stimmung das Hauptsymptom ist
Die klassische Beschreibung der Schlafapnoe kreist um Müdigkeit tagsüber. Das trifft aber nur auf einen Teil der Menschen zu. In der Sleep Heart Health Study wurden 1.207 Menschen mit Schlafapnoe (AHI mindestens 15) nach ihren Symptomen gruppiert, und es ergaben sich vier Typen: Menschen mit gestörtem Schlaf (12,2 Prozent), kaum Beschwerden (32,6 Prozent), mäßiger Müdigkeit (38,5 Prozent) und ausgeprägter Müdigkeit (16,7 Prozent). Schlafapnoe ohne ausgeprägte Tagesmüdigkeit ist also keine Seltenheit: Nur jeder Sechste gehörte zum Typ mit ausgeprägter Müdigkeit, und fast jeder Zweite (32,6 plus 12,2 Prozent) hatte entweder kaum Beschwerden oder vor allem gestörten Schlaf.
Mazzotti DR, Keenan BT, Lim DC, Gottlieb DJ, Kim J, Pack AI. Symptom Subtypes of Obstructive Sleep Apnea Predict Incidence of Cardiovascular Outcomes. Am J Respir Crit Care Med 2019. PMID 30764637
Dazu passt, dass Schlafapnoe oft nicht diagnostiziert wird, selbst wenn Beschwerden da sind. In der Sleep Heart Health Study mit 15.699 Teilnehmern gaben 4,1 Prozent häufiges Schnarchen und Tagesmüdigkeit an, aber nur 1,6 Prozent eine ärztliche Diagnose; die Lücke war bei Frauen und Menschen mit niedrigerem BMI besonders groß. Wer also vor allem Antriebslosigkeit und gedrückte Stimmung spürt und die Müdigkeit als Nebensache erlebt, passt nicht ins Bild, das Ärzte von der Schlafapnoe haben. Die Frage nach Schnarchen und Atempausen gehört trotzdem zur Abklärung einer Depression, wenn es dafür Hinweise gibt. Mehr dazu unter Schlafapnoe ohne Schnarchen und Schlafapnoe bei Frauen.
Kapur V, Strohl KP, Redline S, Iber C, O'Connor G, Nieto J. Underdiagnosis of sleep apnea syndrome in U.S. communities. Sleep Breath 2002. PMID 12075479
Was die Behandlung der Atempausen für die Stimmung bringt
Eine Zusammenfassung von 19 Studien (randomisiert) fragte, ob die Behandlung der Schlafapnoe mit CPAP oder einer Unterkieferschiene depressive Symptome bessert. Ergebnis: im Mittel ja, aber mit starken Unterschieden zwischen den Studien. In zwei Studien mit Menschen, die schon zu Beginn depressiv waren, war die Besserung groß (standardisierte Mittelwertdifferenz 2,0), in 15 Studien mit Menschen ohne Depression klein (0,2). Auch die Unterkieferschiene besserte die Symptome leicht (0,21, fünf Studien). Die Autoren halten beide Behandlungen für mögliche Bausteine bei Menschen mit Schlafapnoe und Depression und sagen offen, dass der Vergleich mit den üblichen Depressionsbehandlungen nicht bekannt ist.
Povitz M, Bolo CE, Heitman SJ, Tsai WH, Wang J, James MT. Effect of treatment of obstructive sleep apnea on depressive symptoms: systematic review and meta-analysis. PLoS Med 2014. PMID 25423175
Für die Praxis heißt das: Wer depressiv ist und Atempausen hat, sollte beides abklären lassen, weil eine unbehandelte Schlafapnoe die Besserung der Stimmung ausbremsen könnte. Das ist eine Folgerung aus den Daten, keine Aussage der Studien. Umgekehrt ist die Behandlung der Atempausen kein Ersatz für die Behandlung der Depression, und Antidepressiva oder eine Psychotherapie sollten nie eigenmächtig abgesetzt werden, weil die Atempausen behandelt werden.
Wenn du dir das Leben nehmen willst oder daran denkst, ruf den Notruf 112 oder die TelefonSeelsorge an: 0800 111 0 111 (kostenlos, rund um die Uhr). Das ist keine Frage für eine Schlaf-App und keine Frage für morgen.
Erfahrungsberichte im Forum lesen, ohne sich zu täuschen
Viele wollen wissen, wie es anderen mit Schlafapnoe ging, und lesen Foren. Das ist menschlich, und es hilft zu lesen, dass man nicht allein ist. Ein paar Dinge sind beim Lesen zu bedenken. Erstens schreiben vor allem Menschen, bei denen etwas sehr gut oder sehr schlecht lief; die große Mitte meldet sich selten. Zweitens steht in einem Bericht „Seit der Maske bin ich wieder ich selbst“ nicht, ob es an der Schlafapnoe lag, am besseren Schlaf, an einer parallelen Depressionsbehandlung oder daran, dass man endlich ernst genommen wurde. Die Studie mit 19 Untersuchungen zeigt, dass es solche Fälle gibt, und ebenso, dass der Effekt bei Menschen ohne Depression klein ist.
Dasselbe gilt für Berichte über Depression und Schlafapnoe: Sie sind ein Anlass, die Frage zu stellen, kein Beleg für die eigene Situation. Was dir wirklich weiterhilft, ist ein Beleg aus deinen eigenen Nächten. Eine Aufnahme sagt nichts über deine Stimmung. Sie gibt dir aber etwas in die Hand, wenn du in der Praxis sagst: Ich bin antriebslos, und mein Partner meint, ich setze nachts aus. SleepTrace markiert mögliche Pausen auf deinem Gerät, und du kannst die Stellen vorspielen, statt sie zu beschreiben. Wie die Abklärung abläuft, steht unter Schlafapnoe zu Hause testen. Wenn Müdigkeit und Stimmung jahreszeitlich schwanken, lies auch Winterdepression.
Häufige Fragen
Auf lange Sicht scheint sie das Risiko zu erhöhen: In einer Langzeitstudie mit 1.408 Teilnehmern war es bei mittelschwerer oder schwerer Atemstörung 2,6-fach erhöht. Eine Auswertung von Momentaufnahmen fand dagegen keinen klaren Zusammenhang. Ein Beweis für eine direkte Ursache ist das nicht.
In zwei Untersuchungen an unbehandelten Patienten lag eine klinische Depression bei 22,7 Prozent (109 Patienten) beziehungsweise eine schwere Depression bei 6 Prozent und eine leichtere anhaltende Verstimmung bei 15,5 Prozent (284 Patienten). Der AHI sagte die Depression nicht voraus.
Im Mittel ja, aber mit starken Unterschieden zwischen Studien. In einer Zusammenfassung von 19 Studien war die Besserung bei Menschen, die schon zu Beginn depressiv waren, groß, bei Menschen ohne Depression klein. Die Behandlung der Atempausen ersetzt keine Behandlung der Depression.
Eine belastbare Studie dazu gibt es nach meiner Kenntnis nicht. Plausibel ist, dass dauerhaft zerhackter Schlaf Reizbarkeit und Rückzug verstärkt. Eine Wesensveränderung gehört immer ärztlich abgeklärt, weil auch Depression, Schilddrüse oder Medikamente dahinterstecken können.
Ja. In einer Untersuchung an 1.207 Menschen mit Schlafapnoe hatten 32,6 Prozent kaum Beschwerden und weitere 38,5 Prozent nur mäßige Müdigkeit. Vor allem Stimmung, Antrieb oder gestörter Schlaf können im Vordergrund stehen.
SleepTrace ist eine Wellness-App, kein Medizinprodukt. Dieser Artikel ist allgemeine Information, kein medizinischer Rat. Wenn deine Beschwerden häufig, stark oder beunruhigend sind, sprich bitte mit einem Arzt.
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